MEIN LADEN, MEINE BÜHNE

Ladenbauer, Innenarchitekten und Dienstleister aus Ulm und Umgebung stellen sich vor.

Ein einzelner Schuh lehnt an seiner Verkaufsbox, drei Jeanshosen werden in dem Modeladen von der Decke hängend präsentiert. Im Friseur-Salon blicken die Kundinnen beim Waschen und Legen ihrer Haarpracht auf beruhigend violettes Licht, in der Bäckerei lockt die in knusprig-brauner Farbe gehaltene Theke die Kunden an die Brötchen. Und die Äpfel und Birnen in der Supermarkttheke glänzen derart frisch in warmem Licht, dass man am liebsten sofort in sie hineinbeißen möchte. Die Kunden sollen beherzt zugreifen.

Das Obst-Beispiel bringt es auf den Punkt. Denn in der modernen Welt des Einkaufens, geht es darum, dass die Kunden kräftig zupacken, bevor es zu spät ist. Denn den stationären Einzelhändlern erwächst in der digitalen Welt mehr und mehr Konkurrenz. Die schöne neue digitale Welt verleitet potenzielle Käufer, zunehmend vom Sofa aus in Online-Shops einzukaufen. Umso wichtiger wird die Atmosphäre in den Läden, die das Einkaufserlebnis wesentlich prägt.

NICHT LEICHT, ABER MACHBAR

Die Herausforderung für Ladenbauer und Lichtdesigner ist damit klar: Wie kann man die Menschen in die Geschäfte locken und was kann man tun, damit sie dort auch verweilen? Und kaufen! „In Zeiten der zunehmenden Digitalisierung spielt der Ladenbau mehr denn je eine Rolle bei der Kaufentscheidung der Kunden”, sagt Angela Krause, Referentin der Geschäftsführung des Deutschen Ladenbau Verbandes (dlv– Netzwerk Ladenbau e.V.). Der Online-Handel verzeichnet jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten, ist rund um die Uhr geöffnet, sieben Tage in der Woche. Die Klagen des stationären Handels über ungünstiges Shopping-Wetter kennt das Internet nicht. „Wenn es im November noch einmal richtig warm wird, bieten Online-Händler spontan noch einmal Strickjacken an und Parkas, wenn es kalt wird. Für den stationären Handel ist das logistisch oft nicht zu bewerkstelligen“, erläutert Krause.

Sie weiß, dass es nicht leicht ist, Kunden von der Bequemlichkeit am Computer weg und in die Läden zu locken. Aber es ist machbar: „Die Frage, die sich jeder Händler stellen muss, lautet, welche Motivation hat ein Käufer in einer Stadt, um in ein Geschäft zu gehen?“ Die Antwort ist vielschichtig, zeitgemäß geformte Theken und hübsch herausstaffierte Warentische reichen nicht mehr aus. Es kommt auch auf den Service an. Angela Krause: „Die Geschäftsidee muss stimmig und das Verkaufspersonal zuvorkommend sein, damit sich der Kunde wohlfühlt. Der Ladenbau ist da nur ein Mosaikstein eines gelungenen Konzepts.” Wichtig für das Anlocken von Kundschaft ist nach ihren Worten, dass das Sortiment attraktiv ist und der Service stimmt. Ansonsten seien alle andere Maßnahmen vergebliche Liebesmüh.

Vor 20 Jahren hat der Händler Ware ein- und dann verkauft. Wer zu spät kam, weil er im Juni noch eine Badehose wollte, hatte eben Pech. Das geht in Zeiten der allgegenwärtigen Warenverfügbarkeit über das Internet nicht mehr. „Die Kenntnis des Händlers über seine Zielgruppe, deren Wünsche und ein exakt ausgewähltes Portfolio sind heute ungemein wichtig“, sagt Krause.

EINE BÜHNE FÜR KUNDEN

Das Sortiment muss zudem ansprechend zur Schau gestellt werden. Genügte es vor zehn Jahren noch, die Schaufenster hübsch zu gestalten, so sind Boutique oder Warenhaus mittlerweile selbst zur Bühne geworden – durch flexibel einsetzbare und individuell gestaltbare Show-Elemente, digitale Bilder und großflächige Bildschirme. „Der Verkaufsraum wird zur Erlebniswelt”, sagt Krause. Früher gab es starre Wandgestelle, die scheinbar für die Ewigkeit geschaffen waren. Heute werden die Möbel im Ladenbau häufig als flexible Elemente gekauft. Denn sie sollen sich nach Belieben schnell auf die Saison oder neue Ware anpassen lassen.

Im Food-Bereich haben sich nach ihren Worten niedrige Regale etabliert, im Gegensatz zu den früheren schluchtenartigen Gängen mit meterhohen Auslagen. Das sei insofern bemerkenswert, weil der Händler dadurch wertvolle Fläche opfere, auf der er Ware stapeln und anbieten kann. Doch die niedrigen Regale haben auch Vorteile. „Der Raum wirkt überschaubarer, luftiger und freier und dadurch einladender“, sagt Krause. Ein weiterer Pluspunkt dieser offenen Gestaltung ist, dass auf diese Weise Präsentationen und Produktkombinationen auf der Fläche viel besser zur Geltung kommen und nicht zwischen hohen Regalwänden untergehen.

Heute tut man gut daran, das Geschäft immer wieder neu zu gestalten, Akzente zu setzen sowie die Ware immer wieder in ein neues Licht zu rücken. Und nicht selten, gerade im Fashion-Bereich, versüßt ein Barista in einer großzügig gestalteten Cafébar mitten auf der Verkaufsfläche das Einkaufen mit einem leckeren Cappuccino.

MIT LICHT AKZENTE SETZEN

Besonderer Beliebtheit erfreut sich im Ladenbau in den vergangenen Jahren das Thema Licht. Genügte es früher, dass der Laden hell beleuchtet war, ist diese Form der reinen Bedarfsbeleuchtung längst in der Dunkelheit verschwunden. „Heute beträgt der Kostenanteil für Lichtkonzepte beim Ladenbau bis zu 30 Prozent. Das ist sehr hoch, zeigt aber, welch enormen Bedeutungszuwachs die Beleuchtung erfahren hat”, erläutert Angela Krause. Denn mit Licht kann man gezielt spielen und bewusst Akzente setzen.

Speziell große Geschäfte benötigen professionelle Lichtplaner oder Lichtdesigner, betont sie. „Es ist nicht mehr damit getan, ein paar Lampen an die Decke zu hängen. Während zum Beispiel Obst eher mit einem wärmeren Ton angestrahlt wird, hilft ein kälteres Licht in der Fischabteilung dabei, die Frische von Schollen und Forellen optisch zu unterstreichen”, sagt die Ladenbau-Expertin. Licht kann aber auch ein Leitsystem sein, das die Kunden in eine gewünschte Richtung lenkt. In den vergangenen Jahren hat sich die LED-Technik flächendeckend durchgesetzt. Es gibt Lichtfirmen, die nur noch diese Dioden-Systeme im Angebot haben. Die Hauptgründe: Sie benötigen wenig Energie und halten länger. Auch die LED Farbqualität hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. „In diesem Bereich”, so Krause, „nehmen wir in Deutschland, im Vergleich zu England oder den USA, eine fortschrittliche Rolle ein.“

DIGITALE ELEMENTE IM LADEN

Dabei geht es im modernen Ladenbau nicht nur um Schein, sondern auch um Sein. Denn gerade natürliche Materialen spielen eine große Rolle, wenn Händler Kunden aus der digitalen Online-Welt herausholen wollen. „Der Trend im realen Laden geht zu haptischen Dingen. Die Kunden möchten etwas anfassen und Strukturen erfühlen können. Sehr oft setzen die Designer deshalb Holz oder mit Filz bespannte Wände ein“, erläutert Krause.

Auch für Sebastian Deppe ist ein funktionaler Ladenbau ein wichtiger Aspekt, um sich von den Wettbewerbern abzuheben: „Die Frequenzen gehen zurück. Es kommen definitiv weniger Käufer in die Läden. Umso wichtiger ist es, diejenigen, die kommen, mit innovativen Ideen zu begeistern. Da macht es schon Sinn, auch einmal mutig mit Althergebrachtem zu brechen und neue Wege zu beschreiten.” So kann man laut Deppe zum Beispiel mit digitalen Mitteln Verkaufsflächen reduzieren und den Kunden die aktuellen Produkte auf großen Videowänden präsentieren.“

Der Diplom-Kaufmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Münchner BBE Handelsberatung GmbH, weiß von der zunehmenden Bedeutung von natürlichen Materialien beim Innenausbau: „Ausstattungen in Leder und Holz sind hoch im Kurs, wobei eine vermehrte Verwendung von solchen Materialien nicht unbedingt dem Nachhaltigkeitsgedanken entspricht.” Doch müssten für einen anschaulichen Ladenausbau im Grunde gar nicht so viele Bäume fallen, denn mittlerweile gibt es auch sehr gelungene Materialien in hochwertig anmutender Holzoptik.“

Ob Sessel aus Filzstoffen oder geschickt drapierte Auslegeware., in erster Linie kommt es darauf an, welche Strategie der Handel verfolgt, auf was die Zielgruppe anspringt. „Große Supermärkte müssen nicht mit den hochwertigsten Verkaufselementen und Ruhezonen gestaltet sein”, sagt Deppe. Hier sei eher wichtig, dass man durch einen effizienten Ladenbau Übersichtlichkeit herstellt. Die Käuferinnen und Käufer müssen sich mit wenigen Blicken zurechtfinden und die gewünschte Ware mitnehmen können. „Selbst Discounter realisieren heute einen deutlich höherwertigen Ladenbau, wie die neuen Konzepte von Aldi, Lidl & Co eindrucksvoll zeigen“, erklärt Beratungsexperte Deppe.

Einzelhändler sollte sich im Klaren darüber sein: Wer seine Kundschaft auf die Suche nach Äpfeln und Birnen durch ein Wirrwarr von Warengängen schickt, darf sich nicht wundern, wenn diese nicht so recht anbeißt – und ihr Glück beim nächsten Einkauf vielleicht woanders sucht. STEFAN LOEFFLER